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„Die Antwort lautet NEIN“: Ein Ausstellungsbericht

erstellt am November 12, 2025 , literaturstadt Berlin

alpha nova & galerie futura ist ein Ausstellungs- und Veranstaltungsort in Berlin, der unter einer emanzipatorischen und feministischen Perspektive an den Schnittstellen von Kunst, Wissenschaft und politischer Praxis arbeitet. Lettrétage-Praktikantin Fanny Dobler hat die dort derzeit stattfindende Ausstellung „Die Antwort lautet NEIN“ von Luise Schröder besucht:

Bei Büchern ist es ja meist so: je älter, desto gelber. Anhand des Vergilbungsgrades eines Buches kann festgestellt werden, wie nah es einem Zeitgeist kommt. Zumindest angenommen werden könnte diese Lesart, wenn nicht bewusst mit ihr gebrochen wird. Wenn das Zeitgemäße nicht anhand der Reinlichkeit einer Buchseite festgemacht wird.
In der Farbpalette von Luise Schröders Buchbarrikade findet sich ein ganzer Zeitstrahl wieder.

(c) Fanny Dobler

Ich möchte diesen Text mit einer Materialerfassung beginnen. Ich habe: Ausstellungstext, einsehbar auf der Website der Alpha Nova Galerie. Namen, Namen, Namen, aufgelistet im zur Ausstellung gehörenden Veranstaltungsprogramm. Wissenschaftler*innen, Schreibende, Aktivist*innen, Künstler*innen. Das Veranstaltungsprogramm: Filmscreening, Lesekreis, Workshop, Gespräche, Buchvorstellung, Führung. Eine Liste kooperierender Archive: Spinnboden Lesbenarchiv, FFBIZ, Archiv der Robert Havemann-Gesellschaft, Genderbibliothek der HU. Außerdem aufgeführt werden das EWA e.V. -Frauenzentrum und das Schwule Museum Berlin. Ich habe einiges an Bildmaterial zu der Ausstellung von Sylvia Sadzinski zur Verfügung gestellt bekommen.

Vor mir liegt ein Netz, gespannt aus Verweisen. Ich klicke mich durch Websites und Buchtitel, auf der Suche nach einem Anhaltspunkt oder eher: nach einem Anfang. „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura“, lese ich, ein Roman von Irmtraud Morgner, der im Rahmen der Begleitveranstaltung „Schreiben heißt schreien – Lesekreis und Leseklub mit Franziska Haug und Alexandra Ivanaova“ gelesen und besprochen wurde. Wikipedia schreibt, der Roman sei in der DDR erstmals 1974 erschienen, 1976 dann auch in der BRD. Ich lese weiter: Es handle sich um einen sogenannten „Montageroman“, eine literarische Technik, die darauf basiert, dass unterschiedliche Texte zusammengefügt werden, wodurch diverse Sprachebenen und Stile in Bezug zueinander stehen.

Walter Benjamin sagt, das Montierte unterbreche den Zusammenhang, in den es gestellt wird.

Luise Schröder arbeitet in ihrer Ausstellung „Die Antwort lautet: NEIN“ mit einer Art visueller Fragmentierung, deren Zusammenhänge sich im Diskurs erschließen (lassen). Im Zentrum des Raumes steht eine Wand aus Büchern, eine Buchbarrikade, wie die Künstlerin sie nennt. Hinter dem Aufbau steckt ein tagelanger Arbeitsprozess, in dem Schröder und ihr Team von früh bis spät geschlichtet, gestapelt und ausbalanciert haben. Entstanden ist eine rund 1600 Bücher schwere, skulpturale Arbeit, deren schwungvoller Farbverlauf nur von einigen hervorblitzenden Buchrücken gebrochen wird.

Einige Namen, die bei näherer Betrachtung auf den Buchrücken erscheinen: Brigitte Reimann, Maxie Wander und Christa Wolf. Aber auch: Olivia Wenzel und Hami Nguyen, Audre Lorde und Silvia Federici, Sappho und Laura Cottingham.

Es handelt sich um (queer)-feministische Literatur, „Frauenliteratur”, lesbische Literatur. Die Bücher sind so angeordnet, dass unmittelbar benachbarte thematisch oder formal in Bezug zueinander stehen oder neue Assoziationsebenen aufmachen. So haben zum Beispiel Kerstin Gutsches „Lesbenprotokolle“ ihren Platz direkt neben Elfriede Brünings „Partnerinnen“ gefunden, wodurch Zuschreibungen passieren, ein Faden gesponnen wird, der in anderen Konstellationen wohl nicht aufkäme. Momente wie diese, jene neuer Schwesternschaft, zeichnen die Buchbarrikade aus. Das Montierte unterbricht den Zusammenhang im Sinne eines Hinterfragens desselben.

Die Alpha Nova Galerie Futura ist ein queerfeministischer Ausstellungs- und Veranstaltungsraum am Berliner Flutgraben, der seit 1986 besteht. Eine Straße, spärlich beleuchtet, wie in Berlin so viele, führt zu dem Backsteingebäude am Eck, wenige Meter weiter mündet der Flutgraben in die Spree. Nach dem Eintreten führt eine schmale Treppe Besuchende in die Räumlichkeiten im 3. Stock. Am Weg nach oben sticht mir ein langer, rosafarbener Banner ins Auge. „Was jetzt geschieht, geschieht uns“, lese ich erst auf der Vorderseite, geleitet von der Wendeltreppe und meiner Neugier komme ich an der Rückseite an: „Wir sind hier“, die Schriftzüge haben etwas Aufforderndes, Kämpferisches an sich. Ein Zitat von Anna Seghers, erzählt Luise Schröder kurz darauf bei der Führung durch ihre Ausstellung.

Christa Wolf schreibt in ihrem Roman „Kassandra“: „Das letzte wird ein Bild sein, kein Wort. Vor den Bildern sterben die Worte.“

Worauf spielt die Autorin an? Die physische Überlebensdauer der jeweiligen Medien kann es kaum sein. Ist es das Bild, das nach dem, mit dem Wort entsteht? Ich versuche, es mithilfe der Annahme des Wortes, das im Raum Form annimmt, zu denken. Der Prozess der räumlichen Übersetzung von Literatur findet in „Die Antwort lautet: NEIN“ auf verschiedenen Ebenen statt. Einerseits buchstäblich in der Bücherbarrikade, die einen queerfeministischen Kanon zentriert, aber auch aufzeigt, welche Leerstellen es in der Aufarbeitung feministischer Literatur gibt. Insbesondere widmet Luise Schröder sich in ihrer Arbeit der wenig aufgearbeiteten Geschichte der Frauen- und Lesbenbewegung in der DDR, und indem in ihrer Installation deutlich weniger Buchrücken als Buchseiten zu sehen sind, entsteht ein Imaginationsraum. Was hätte sein können, was sollte hier stehen? Wessen Geschichten wurden nicht erzählt, nicht archiviert?

Die Barrikade ist zweiseitig: Beim Betreten der Galerie ist die Schauseite zu sehen, einige Meter lang, bestimmt zwei Meter hoch und einen knappen halben Meter breit. Im Gegensatz zur geläufigen Barrikade kann Luise Schröders Version umrundet werden. Auf der Rückseite befindet sich eine ebenso große Tafel, die von der Künstlerin ein „flirrendes Archiv“ genannt wird. Ausschnitte aus Zeitungsartikeln treffen auf Fotografien, Dokumente, Filmstills und Zitate. Zu sehen sind Hände, die sich an vergilbtem Papier erfreuen, unterstreichen, zeigen und blättern. Klar hervor tritt also die Position der Forschenden, die sich durch Materialsammlungen wühlt und dem nachspürt, was sie in Vorgefundenem bewegt.

Hauptsächlich hat Luise Schröder mit dem Bestand „Grauzone“ des Archivs der DDR-Opposition gearbeitet. Schon im Namen offenbart sich der Interpretationsspielraum, der mit dem archivierten Material einhergeht. Der Bestand dokumentiert die Arbeit nichtstaatlicher Frauen- und Lesbengruppen in der DDR und enthält in etwa 2000 Fotografien von Gruppentreffen, Camps oder Demonstrationen sowie eine Vielzahl persönlicher Dokumente.

An der Recherchewand finden sich einige dieser Bilder oder Bildausschnitte wieder, größtenteils Schwarzweiß-Aufnahmen. Zutreffend ist der Begriff des „flirrenden“ allemal: Bei der Betrachtung vermischen sich die Stimmen, manche lauter, Zitate kommunizieren miteinander, Begegnungen entstehen. „Wann – wenn nicht jetzt?“ „Einmal im Leben, zur rechten Zeit, sollte man an Unmögliches geglaubt haben“. Auch ein Zitat aus dem 1996 erschienen Film „The Watermelon Woman“ reiht sich wunderbar in die Sammlung ein: „Sie bedeutet Möglichkeit. Und sie bedeutet Geschichte.“ (Oder besser: schwirrt mit. )

Ich reime: Hinter der Montage / die Collage. Ich unternehme einen Halbkreis um die Barrikade und lande an der Schauseite. Fällt der Blick nun nach rechts, wie meiner, zugunsten des Spannungsbogens, und auch ein wenig in Richtung Eingangstür sollte er fallen, um zu landen – erst auf einer Handvoll Stühlen, dann auf einem Wandbild. Hängen bleiben wird der Blick wohl an dem Wandbild, er ist es gewöhnt, an Flächen zu sehen, im Raum Stehendes zu umkurven. Zu sehen ist ein Ausschnitt aus einer Fotografie, fünf Personen sitzen in einem Stuhlkreis, ein Stuhl zwischen ihnen bleibt frei, scheint aber, der Jacke nach zu urteilen, für jemanden reserviert zu sein. Die Abgebildeten befinden sich in einer Diskussion, gestikulieren oder hören zu. In welcher Räumlichkeit die Gruppe sich befindet, bleibt unklar, die Personen sind freigestellt, sprich hintergrundlos, nur die weiße Galeriewand hält sie.

Indem offensichtlich etwas ausgespart, etwas freigelassen wurde, schafft Luise Schröder wieder einen Imaginationsraum. Sie lädt Besuchende ein, sich zu den Abgebildeten zu setzen, in die Konversation einzusteigen und nach Kontexten zu suchen.

Um fündig zu werden, liegt ein Buch bereit. Teil der fotografischen Installation ist Luise Schröders Publikation „Strömungen in Bewegung“, die 2025 im Rahmen des Berliner Programms für künstlerische Forschung erschienen ist. In dem Künstler*innenbuch denkt Schröder, unter anderem, Gefundenes weiter, reflektiert Text und Bild aus dem Grauzone-Bestand und dem Spinnboden-Lesbenarchiv und tritt in Konversation mit literarischen Frauenfiguren aus feministischer DDR-Literatur. Sie widmet sich Fragen rund um Selektion und Ausschluss, sucht nach Narrativen und unterbricht gängige historische Glaubenssätze.

Die Künstlerin erzählt von der einzigen Lesbenzeitschrift in der DDR, frau anders, die im Spinnboden-Archiv eingesehen werden kann. Aus verschiedenen Artikeln oder Announcen in dem Magazin ist ein Zine entstanden, das der Publikation beigelegt ist. Unter anderem darin zu finden ist ein Aufruf von Birgit aus Halle, die über die evangelische Student*innengemeinde zur Organisation eines Lesbenarchivs einlädt. Ich entdecke immer mehr Verweise, grabe weiter. Geworben wird für den 1979 entstandenen Frauen-Motorradclub „Hexenring“, wo Mithexen Schutz vor Bösem suchen können, ich lese von der Lesbenwerkstatt in Jena, wo Utopien erdacht und um Umsetzung gekämpft wurde.

Schicht für Schicht versuche ich, Luise Schröders Arbeit zu durchkämmen. Eine Hommage an die Vielen, eine Hommage an die Recherche. Prominent, in der Buchbarrikade mittig platziert, sticht mir ein Buchrücken ins Auge: Erinnerung stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive. Erinnerung stören, Erinnerung erwecken, Erinnerung sammeln. Schlagwörter, die für sich stehen, die, vielleicht, zusammenfassen.

Ich komme zu einem vorläufigen Schluss.

(Text: Fanny Dobler)

Die Ausstellung „Die Antwort lautet: NEIN“ ist noch bis zum 15.11. in der alpha nova & galerie futura zu sehen.

(weiterführende) EMPFEHLUNGEN:
Hörspiel „Kontaktanzeigen – queere Generationendialoge in Deutschland“ von Mike Dele Dittrich Frydetzki, Judith Geffert und Jule Gorke – Judith Geffert hat eng mit Luise Schröder für „Strömungen in Bewegung“ zusammengearbeitet

„Photography – a feminist history“ von Emma Lewis – entdeckt in der Buchbarrikade

Interdisziplinäres Langzeitprojekt „Die Inventarisierung der Macht“ von Annett Gröschner und Arwed Messmer

Veranstaltungsreihe „L*Ost DDR: Lesbische Geschichte in der DDR anhand von Fotokunst und Archivmaterial“ – u.a. mit Luise Schröder

Publikation „wildes wiederholen. material von unten. Dissidente Geschichten zwischen DDR und pOstdeutschland #1“ herausgegeben von Elske Rosenfeld und Suza Husse.

Kuss-Karte – ausgehend von Brigitte Reimanns Frage „Kann man in Hoyerswerda küssen?“

Interview mit Samirah Kenawi, Gründerin des Archivs „Grauzone“.

Wanderausstellung „Gemeinsam sind wir unerträglich. Die unabhängige Frauenbewegung in der DDR“, konzipiert und kuratiert von Ulrike Rothe, Rebecca Hernandez Garcia und Judith Geffert.